Rezension zu „Ein ganzes halbes Jahr“ von Jojo Moyes

Hallo liebste Leser,

es wird ganz dringend Zeit, wieder eine Rezension online zu stellen. Ich habe dieses Jahr noch recht wenig gelesen und das nervt mich selbst ein wenig. Aber oft kommt etwas dazwischen und dann gibt es privat immer noch das ein oder andere, das Vorrang genießen muss. Ich habe sehnsüchtig auf mein 1. Buchjuwel 2013 gewartet und endlich, endlich habe ich es gefunden! „Ein ganzes halbes Jahr“ von Jojo Moyes hat sich in mein Herz katapultiert und mich zutiefst berührt.

Das im Rowohlt Verlag erschiene Buch kann ich Euch bereits jetzt schon wärmsten empfehlen und Euch ans Herz legen.

Ich habe das Buch im Rahmen der Lovelybooks Lesechallenge April gewonnen. Deshalb danke ich an dieser Stelle Lovelybooks für die Organisation, dem Rowohlt Verlag für die Bereitstellung der 50 Exemplare und der Autorin Jojo Moyes für die Beteiligung an der Leserunde.

Vorab die wichtigsten Fakten zum Buch:
Art: Broschur
Erscheinungsdatum: 21.03.2013
Seitenanzahl: 512
Preis: 14,99 Euro
ISBN: 978-3-499-26703-1

Cover

Ein ganzes halbes JahrBildquelle: http://www.rowohlt.de/fm/501/978-3-499-26703-1.jpg

Das Cover von „Ein ganzes halbes Jahr“ sagt auf den 1. Blick weniger über das Buch aus, als man glaubt. Es ist schlicht und zeigt die Schattenumrisse einer Frau, die gerade einen Vogel fliegen lässt. Umgeben sie es von Blütenblättern. Das Cover gibt keinen Einblick in die Tiefe des Buches, so dass möglicherweise beim Leser falsche Erwartungen entstehen könnten. Mir gefällt es dennoch außerordentlich gut. Nach dem Lesen des Buches wird man erkennen, dass dieses Cover sehr gut zum Inhalt passt. Ich könnte mir kein besseres Cover für dieses Buch vorstellen.

Inhalt
„Ein ganzes halbes Jahr“ erzählt die Geschichte von Louisa Clark und Will Traynor. Lou hat keine Ausbildung und lebt genau wie Will in einer kleinen, verschlafenen Touristenstadt nahe London. Seit 6 Jahren arbeitet sie in einem kleinen Café und liebt es ihre Gäste zu bedienen und über Gott und die Welt zu reden. Als das Café geschlossen wird, ist Lou gezwungen sich einen neuen Job zu suchen, doch es erscheint zunächst ausweglos. Ihr bleibt nichts anderes übrig, als die Stelle als Pflegehilfe bei der Familie Traynor anzunehmen. Lou ahnt nicht, dass diese Stelle ihr gesamtes Leben ändern wird.

Will Traynor ist Mitte 30 und ein erfolgsreicher Geschäftsmann. Er ist in seiner Freizeit sehr aktiv, liebt es zu reisen und betrachtet Extremsportarten als Herausforderung. Ein Unfall reißt ihn aus diesem Leben ohne jegliche Vorwarnung heraus – er erleidet eine Querschnittslähmung brustabwärts. Mit diesem neuen Leben, gefesselt an einen Rollstuhl und von anderen abhängig, kann sich Will nicht arrangieren, doch Lou soll ihm in seinen täglichen Handeln unterstützen. Auch Will ahnt nicht, dass Lou seine Welt drehen wird.

Meine Meinung
Seit langem mal wieder ein Buch, dessen Emotionen und Tiefgründigkeit kaum mit den richtigen Worten beschrieben werden kann. Jojo Moyes ist es gelungen ein facettenreiches Buch zu schreiben, in das die Tiefgründigkeit der Thematik mit einer Art von Leichtigkeit verpackt worden ist, dass mir die Worte fehlen. Leider kann ich aus Spoilergründen nicht das eigentliche Thema des Buches benennen, aber es geht um das Leben, um den Umgang mit behinderten, kranken Menschen und darum, Entscheidungen zu treffen, die nicht nur das eigene Leben und Handeln beeinflussen, sondern auch das von Mitmenschen.

Jede einzelne Situation der Handlung von „Ein ganzes halbes Jahr“ hat einen ganz bestimmten Grund und trägt dazu bei, eine komplexe Thematik dem Leser näherzubringen. Der Leser wird dazu angetrieben über sich und sein Handeln und sein Leben nachzudenken und es ist nahezu unmöglich unberührt zu bleiben. Im Prolog erfährt der Leser von Wills Unfall und bekommt einen Einblick in sein früheres Leben. Anschließend steigt man direkt in Lous Leben ein und erfährt von ihrer Kündigung. Die Geschichte geht Schritt für Schritt dem Ende zu und sorgt somit, dass der Leser immer am Ball bleiben und sich stetig aber langsam einleben kann. Auf jeden Höhepunkt folgt ein Rückschlag – man bleibt immer in Bewegung bis hin zum großen Höhepunkt am Ende der Geschichte. Alles ist genauestens durchdacht und der Spannungsbogen sehr überzeugend herausgearbeitet, so dass man nicht einmal an Langeweile oder Langatmigkeiten denken kann.

Die Protagonistin der Geschichte ist Louisa Clark, ein Mädchen aus einfachen Verhältnissen. Ihre Eltern haben nicht viel Geld, denn ihre Mutter muss den Großvater pflegen und ihre Schwester Katrina (Treena) hat bereits einen Sohn, Thomas. Lou trägt einen wesentlichen Anteil an der finanziellen Versorgung ihrer Familie. Ihr Vater arbeitet im Möbelgeschäft und Treena verdient ein wenig Geld im städtischen Blumengeschäft. Lou ist eine sehr treue Seele mit einem extravaganten Modegeschmack. Sie ist sehr aufopferungsvoll für ihre Familie und Mitmenschen und scheint sich nicht daran zu stören, dass ihr Vater sie gern auf den Arm nimmt und seine Witze über sie reißt. In ihr schlummern viele verborgene Talente, die jedoch keiner ans Tageslicht fördert. Lou ist direkt und in der Lage anderen die Meinung zu sagen, vorausgesetzt sie möchte es. Sie ist ein wunderbarer Charakter, der sich im Laufe der Geschichte weiterentwickelt und nahezu komplett dreht. Auch wenn es ihr in manchen Punkten an Reife fehlt, ist sie die perfekte Protagonistin der Geschichte.

Will Traynor ist der wahre Held der Geschichte – aus meiner Sicht. Will ist auf den 1. Blick ein mürrischer Mann, der keinen an sich heranlässt. Der Unfall hat sein gesamtes Leben verändert und selbst nach 2 Jahren hat er sich mit diesem Schicksal noch nicht abgefunden bzw. richtig arrangiert. Will ist ein Mann, der nicht den Erwartungen anderer Menschen entsprechen möchte, er nimmt die Dinge gern selbst in die Hand und ist sehr intelligent. Er liebt klassische Musik und gute Filme – vor allem fremdsprachige mit Untertiteln. Will ist ein Mensch, der keine leichtfertigen Entscheidungen trifft und ihm liegt viel daran, dass Lou von ihren verborgenen Talenten erfährt und etwas aus ihrem Leben macht. Er mag nicht sofort bei jedem Sympathie erwecken, doch er hat sich von Anfang an in mein Herz geschlichen und ich bewundere ihn für seine Entscheidungen und seine Art. Er ist auch derjenige, der dem Leser die Augen öffnet.

Katrina Clark ist ebenfalls ein Charakter mit einer wichtigen Rolle. Sie ist die jüngere Schwester von Lou und hat sehr früh ein Kind bekommen. Sie hat deshalb ihr Studium abgebrochen und jobbt in einem Blumengeschäft. Treena ist sehr intelligent und deshalb mit ihrer Arbeit sehr unterfordert. In ihren Handlungen und Aussagen ist Treena, besonders Lou gegenüber, sehr sprunghaft. Die anfängliche Sympathie für sie kann sehr verfliegen, aber hassen kann man sie trotzdem nicht. Für mich ist und bleibt Treena ein zwiespältiger  Charakter, der aber einen festen Platz in der Geschichte hat und braucht.

Lous Eltern stehe ich auch ein wenig kritisch gegenüber. Gerade ihr Vater war für mich von Beginn an nicht wirklich ein Sympathieträger. Durch seine Witze über sie, die meiner Meinung nach die Grenze von Humor überschreiten, fällt es mir schwer ihn zu mögen. Lous Mutter ist irgendwie am Leben von anderen interessiert und wenig flexibel. Sie hat ihren festen Tagesablauf und lässt sich davon nur ungern abbringen. Speziell ihre Reaktion am Ende des Buches verhindert es, dass eine richtige Sympathie für sie entsteht, auch wenn ich sie schon ein wenig nachvollziehen kann.

Bei Wills Mutter geht es mir ähnlich wie mit Lous Mutter. Sie hat natürlich innerlich schwer mit dem Schicksal ihres Sohnes zu kämpfen, wirkt aber nach außen so steif und engstirnig. Wills Vater scheint bei der ganzen Geschichte stellenweise so unbeteiligt zu sein. Aber er trägt einen innerlichen Konflikt mit sich aus, den man erst sehr spät erfährt. Dennoch ist er mir sympathisch.

Wills Pfleger Nathan mag ich auch ganz gern. Er ist für Will sehr wichtig, nicht nur weil er ihn pflegt sondern weil sich Will bei ihm wohlfühlen und mit ihm Witze reißen kann.

Patrick, Lous Freund, ist der einzige im Buch, den ich wirklich hasste. Er ist ein egoistischer Typ, der sich fast ausschließlich auf sich und seinen Sport konzentriert. Er zeigt wenig Interesse an Lou und hat auch im Allgemeinen eine merkwürdige Art an sich.

Am Schreibstil von Jojo Moyes gibt es nichts auszusetzen. Sie führt mit einer  metaphorischen Schreibweise durch das Buch und die Thematik und wählte ihre Worte mit Bedacht aus.

Auch die Erzählperspektive der Geschichte wurde sorgfältig ausgewählt. Die meiste Zeit über erfährt der Leser aus Lous Sicht die Geschehnisse, nur ganz selten wird auf die Perspektive eines anderen Charakters gewechselt, aber nie zu der von Will.

Fazit
„Ein ganzes halbes Jahr“ ist ein facettenreiches, tiefgründiges Buch, das tief unter die Haut geht. Es zwingt den Leser förmlich über sich und sein Leben nachzudenken, aber auf eine Art und Weise, die unbeschreiblich ist. Jojo Moyes ist es gelungen, die schwere, komplexe Thematik des Buches derart leicht zu verpacken, dass man es ohne Anstrengungen lesen kann. Die außergewöhnliche Liebesgeschichte zwischen Lou und Will berührt das Herz und kann die Sichtweise auf sein eigenes Leben und seine persönlichen Handlungen erheblich beeinflussen. Ein absolutes Must-Read, dem sich auch Leser annehmen sollten, die sich vielleicht zunächst nicht mit der Thematik identifizieren können.

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Liebste Grüße,
Eure Lilienlicht

 

Die Urheberrechte vom abgebildeten Cover liegen beim Rowohlt Verlag (siehe Bildquelle) und bleiben unberührt.

1 Kommentar

  1. KeeponKeepingon sagt: Antworten

    Wow, vielen lieben Dank für diese wunderbare Rezension!
    Ich bin durch Zufall auf das Buch aufmerksam geworden, habe
    es dann aber wieder aus den Augen verloren…
    Es ist lange her, dass mir eine Rezension derart von einem Buch überzeugt hat. Die Charaktere sind so facettenreich und authentisch beschrieben, auch sagt mir die Thematik mehr als zu. Kurzum ich kann es kaum erwarten, dieses Buchjuwel – wie du es zurecht benennst- selbst in Händen zu halten.
    Eine Geschichte, die es zu lesen lohnt…. ein Buch welches mich ohne Wenn und Aber in seinen Bann ziehen wird. I could’t ask for more.

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