[Martinas Buchvorstellung] „Moorfeuer“ von Nicole Neubauer

(c) blanvalet / Random House

Letztes Jahr vor der Leipziger Buchmesse 2015 fiel mir das Buch „Kellerkind“ im Programm auf und ich überlegte, mir die Lesung anzuhören. Die Handlung klang vielversprechend. In der Buchhandlung meines Vertrauens war das Buch natürlich schon in aller Munde, die Verkäufer/innen restlos begeistert und schwärmten regelrecht von diesem Buch. Damit war es entschieden, die Lesung musste ich mir anhören.

Auf der Messe lernte ich dann kurz die sehr sympathische Autorin kennen und direkt im Anschluss kaufte ich mir „Kellerkind“ und war ebenfalls begeistert. Herzlichen Dank für den Tipp, liebe Buchhändler. Was hat das jetzt mit „Moorfeuer“ zu tun? Ganz einfach: „Kellerkind“ ist der Auftakt einer Krimireihe um Michael Waechter und seinem Team aus München. Besprechen möchte ich aber hier den Nachfolger.

Die große Frage vorweg beantwortet: Man kann „Moorfeuer“ lesen, auch wenn man „Kellerkind“ nicht gelesen hat. Im Grunde bauen sie nicht aufeinander auf. Gleich sind nur die Charaktere Michael Waechter, Johannes „Hannes“ Brandl, Elli Schuster und „Der Hüter des Schweigens“. Man merkt schnell, dass es eine sehr bunte Gruppe ist in der jeder sein Päckchen zu tragen. Der eine mehr, der andere weniger schwer.

Sprachlich ist es auch sehr leicht und einfach geschrieben. Textlich wird schon im Prolog die Spannung aufgebaut:

„Mama, in meinem Zimmer ist ein totes Mädchen!“ […] „Sie ist wieder da.“ (S. 1)

Und nach dieser kleinen, aber gruseligen Einführung sind wir auch schon mitten im Geschehen. Im Freisinger Moor wurde eine Frauenleiche gefunden. Verbrannt wie eine Hexe im Mittelalter auf einem Scheiterhaufen. Die örtlich zuständige Polizei von Erding bittet die Münchener Polizei um ihre Mithilfe. Und natürlich gibt es auch zwischen den Polizeidienststellen die ein oder andere Reiberei. Keiner lässt sich gerne in sein Handwerk hineinpfuschen. Diese Meinungsverschiedenheiten lockern die Handlung etwas auf und ich fand besonders die Formulierung kurz nach dem Aufeinandertreffen der Teams sehr lustig:

„Wir stellen gerade eine Soko zusammen. Ich würde gern ein paar von euch Münchnern dazunehmen. Wir haben gerade genug zu tun.“

„Ist ja nicht so, dass wir in München nur mit der Kaffeetasse in der Tür rumstehen“, sagte Waechter. (S. 13)

Mir gefällt der Schlagabtausch und die Teams bestehen aus ganz normalen Menschen. Sie sprechen einfach frei Schnauze.

Die Spur der Leiche führt zu einem alten Haus am Moor. Es ist das Haus der Familie, die wir schon aus dem Prolog her kennen. Die Tote ist Eva Nell, die Mutter der Tochter des Hauses. Sie hatte einen Abend zuvor auf die ihre Enkelin Sophie aufgepasst. In der Nacht ist sie dann aus dem Haus verschwunden. Maret Lindner, die Hausbesitzerin ist sich sicher, ihre Mutter Eva hätte ihre Enkelin nie alleine im Haus zurückgelassen. Sie ist sich sicher, dass sie ihrem Mörder freiwillig gefolgt sein muss. Jemand, zu dem sie Vertrauen hatte. Doch wer kommt für so eine grausame Tat in Frage?

Ebenfalls sehr spannend fand ich die Ermittlungen von Waechter. Dieser ist dem Hinweis des Amuletts, das sich bei der Toten befand, und einem alten Fotoalbum von Eva Nell nachgegangen. Er stößt auf eine alte Familientragödie und die Nachforschungen hierzu fand ich sehr interessant. Auch seine Recherchen zu Hexenbannern und deren Mysterium zogen mich sofort in ihren Bann.

Zwischendurch gibt es noch eine Handlung, die viele Jahrzehnte zurückliegt, aber dennoch einen Bezug zum Heute hat. Zuerst fragt man sich vielleicht, was das eigentlich mit der verbrannten Leiche zu tun hat, aber später klärt sich das alles auf. Spät, aber es klärt sich lückenlos auf.

Auch sehr schön fand ich, dass wir im Gegensatz zum „Kellerkind“ etwas mehr über Waechter erfahren. Er lebt sehr zurückgezogen in seiner Wohnung in der es, sagen wir mal, nicht ordentlich ist. Er hat einen Hang dazu, alles zu sammeln, was ihm in die Finger kommt. Wie auch schon in Band 1 nimmt sich Waechter am Ende des Falles fest vor, seine Wohnung auf Vordermann zu bringen und jedes Mal bleibt es scheinbar dabei

„Morgen würde er damit anfangen. Morgen.“ (S. 411)

In „Moorfeuer“ werden auch seine Wünsche deutlich. Er ist einsam, traut sich nicht, jemanden in die Wohnung zu lassen. Er nimmt vorübergehend die Katze der Toten bei sich zu Hause auf und dieses Lebewesen bringt Waechter dazu, Verantwortung für jemand anderes zu tragen, zumindest im privaten Bereich. Beruflich trägt er ja die Verantwortung für sein Team. Aber auch Hannes’ Tochter Lily, die sich eines Tages – wenn auch nur kurz – bei ihm einnistet, löst mit ihrer direkten und kaltschnäuzigen Art, etwas in Waechter aus. Etwas, dass ihn hoffentlich dazu bringt, sich seinen Problemen zu stellen. Ich würde es ihm so sehr wünschen.

Vermehrt erfahren wir etwas über den Ermittler Johannes Brandl, genannt Hannes. Er ist ein sturer Kopf und zieht gerne sein Ding durch. Dabei ist es egal, ob andere ihm zum Gegenteil raten, er macht trotzdem das, was er für richtig hält. Allerdings bringen ihn seine Alleingänge in „Moorfeuer“ buchstäblich in Teufelsküche. Er richtet großen Schaden an und ihm droht sogar der Verlust seiner Familie, seines Jobs und seiner Freunde. All dies erkennt er erst spät. Zu spät?

Blass hingegen bleiben die Charaktere der Elli Schuster und vom Hüter des Schweigens. Warum letzterer Teil eines Teams ist, obwohl er wirklich nie spricht, sondern eigentlich nur im Hintergrund zu agieren scheint, erschließt sich mir auch noch nicht ganz. Man vergisst ihn eigentlich auch sehr schnell wieder. Ich würde mir wünschen, im nächsten Teil auch etwas mehr über diese beiden Personen zu erfahren.

Auf den letzten 100 Seiten werden alle Handlungsstränge zusammen­gefügt und die Handlung nimmt noch einmal richtig an Fahrt auf. Ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen und wurde auch beim Lesen immer schneller. Mir tat Hannes am Ende wirklich sehr leid. Die Autorin hat ihn richtig leiden lassen, aber vielleicht war auch genau das nötig, um Hannes zur Vernunft zu bringen. Das Erlebte wird den Charakter sicherlich auch weiterentwickeln.

Nach ihrem Debüt-Roman „Kellerkind“ legt Nicole Neubauer einen würdigen Nachfolger hin. Ich bin jetzt schon gespannt, wie es mit dem Team nach diesen Erlebnissen aus „Moorfeuer“ weitergehen wird.

 

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(c) Martina

 

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