[Gast-Rezension] „Still Alice – Mein Leben ohne gestern“ von Lisa Genova

Ich bin auf dieses Buch durch eine Freundin, die von der Hollywood Verfilmung gehört hat, aufmerksam geworden. Buchverfilmungen treffen leider nicht immer die Zufriedenheit aller Leser. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, erst das Buch zu lesen und später vielleicht einmal den Film anzuschauen.

Still Alice

(c) Bastei Lübbe (wenn ihr auf das Bild klickt, gelangt ihr direkt zum Buch)

Das Buch beschäftigt sich mit der fiesen und hinterhältigen Krankheit Alzheimer und ist eigentlich mit älteren Leuten in Verbindung zu bringen. Das habe ich bisher zumindest gedacht und ich kenne vom Hörensagen auch nur Fälle, in denen ältere Menschen ab 60 von dieser Krankheit betroffen sind. Doch durch dieses Buch habe ich erstmals erfahren, dass Alzheimer auch jüngere Leute treffen kann.

Hier geht es, wie man am Titel erkennen kann, um Alice. Sie ist Professorin für Psychologie an der Harvard Universität. Sie ist verheiratet und hat 3 erwachsene Kinder. Ihre Karriere läuft erfolgreich, sie ist eine gern gesehene Gastdozentin an vielen Universitäten – sogar im Ausland. Bei Studenten und Kollegen gleichermaßen beliebt.

Es beginnt damit, dass ihr hin und wieder ein Wort nicht einfällt oder Dinge verlegt. Das passiert schließlich jedem Mal und wird daher nicht weiter von Alice beachtet. Sie schiebt es auf ihre stressige Arbeit und den damit verbundenen Schlafmangel. Als sie jedoch eines Tages beim Joggen plötzlich nicht mehr weiß, wo sie ist und wie sie nach Hause kommt, obwohl sie die Strecke täglich und seit Jahren läuft, wird ihr richtig mulmig. Sie beschließt, sich über die bereits vorhandenen Symptome zu informieren und findet heraus, dass die Möglichkeit besteht, dass sie Alzheimer hat. Sie weist diesen Gedanken jedoch weit von sich, sie ist schließlich zu jung, um Alzheimer zu haben. Dennoch nimmt Alice, nachdem noch einige Vergessensereignisse aufgetreten sind und sich deren Auftreten häufen, ihren Mut zusammen und geht zum Arzt. Dieser muss ihre Hoffnung leider zerstören, denn hier sitzt sie nun, Alice, 50 Jahre, erfolgreiche Havardprofessorin, Ehefrau und Mutter mit früh einsetzender Alzheimer Krankheit.  Mit dieser Diagnose wird nicht nur ihr Leben auf den Kopf gestellt, sondern auch das ihres Ehemannes John. Was bedeutet die Diagnose für ihn? Er begleitet Alice zu den regelmäßigen Arztterminen, versucht Mittel und Wege zu finden, um den Krankheitsverlauf zu stoppen oder zu verlangsamen. Tatsächlich sieht er jedoch Monat für Monat und Tag für Tag zu, wie seine geliebte Alice mehr und mehr verschwindet. Die Kinder unterstützen ihre Eltern wo es nur geht. Wenn John, selbst Professor an der Harvard Universität, länger arbeitet oder auf Reisen ist, sind es die Kinder Anna, Tom und Lydia, die sich abwechselnd um ihre Mutter kümmern.

Die Kapitel sind monatsweise aufgebaut und beschreiben einen Zeitraum von 2 Jahren. Mit jedem Kapitel ist der Leser dabei, wie es Alice, John und den Kindern mit dem Fortschreiten der Krankheit geht. Weil dieser Krankheitsverlauf an allen Kräften und Nerven zerrt, gibt es selbstverständlich hin und wieder auch einmal Streitigkeiten. Hier wird nichts schön geredet. Anfangs ist der Zerfall von Alice noch langsam und man hat als Leser die Hoffnung, dass sie noch viele schöne Dinge erleben und sich lange an diese erinnern kann. Doch ab der Mitte des Buches geht es sehr schnell bergab und man kann nur noch hilflos mit lesen, wie schlimm es wird.

Zu Beginn ihrer Diagnose hat Alice Vorkehrungen getroffen. Sie will in keinem Fall bis zum Ende ihres Lebens ihrer Familie, die sie über kurz oder lang nicht einmal mehr erkennen wird, zur Last fallen und ein starker Pflegefall werden. Sie hat daher zur monatlichen Selbstkontrolle 5 Fragen in ihr Blackberry getippt, die ihr engstes Familienleben betreffen. Sollte sie eine dieser Fragen falsch antworten, will sie dem ganzen ein Ende bereiten.

Mit jedem Monat erfährt der Leser anhand der Antworten auf diese Fragen, wie weit fortgeschritten die Alzheimer Krankheit bei Alice ist. Mich hat es von Kapitel zu Kapitel traurig gemacht, wie eine überdurchschnittlich denkende Frau nach und nach alles vergisst und vor allem, wie schnell sie die wichtigsten Dinge in ihrem Leben vergisst. Die Familie tat mir unheimlich leid, sie gehen bis an ihre Belastungsgrenze um Alice zu unterstützen. Auch wenn sie sich später nicht einmal mehr an ihre Kinder und ihren Mann erinnern kann, eins erkennt sie jedoch jeden Tag auf’s neue: Sie wird geliebt und die Menschen, die sie lieben und die sie liebt, auch wenn sie es immer wieder neu entdecken muss, sind an ihrer Seite.   Ich fand das Buch sehr bewegend und bedrückend zugleich. Man fühlt mit Alice und ihrer Familie mit und bewundert sie für ihre Stärke und Liebe. Für pflegende Angehörige und auch für Alzheimer Patienten oder derjenigen, die eine hohe Wahrscheinlichkeit besitzen, in Zukunft selbst daran zu erkranken, kann dieses Buch eine Hilfestellung werden. Es kann aber ein „Fluch“ sein, denn hier bekommen die Betroffenen vor Augen gehalten, was alles passieren wird und kann sie im Leben im Jetzt und Hier beeinträchtigen.

Mich lässt das Buch ein wenig nachdenklich zurück und ich hoffe sehr, dass ich so einen Fall im Familienkreis nie erleben werde. Denn ich weiß nicht, ob ich selbst die Kraft, den Mut und die Stärke hätte, das durchzustehen, wie es die Familie Howland in diesem Buch getan hat. Und ich weiß, dass da draußen noch viel mehr Familien sind, die das gleiche Schicksal ereilt hat, wie Alice. Das stimmt mich irgendwie noch trauriger, denn der Kampf gegen Alzheimer ist bis zum heutigen Tage einer, an dem am Ende stets die Krankheit gewinnt und der Mensch verliert.

 

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(c) Martina

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